Zu viele Alpenbetriebe haben ein Inklusionsproblem

Inklusion ist kein Zusatz, sondern die Prüfung für echte Gastfreundschaft. Der Markt ist groß, die Informationslage oft klein.
Podiumsdiskussion auf der Bühne der WTM-Veranstaltung mit Zuschauern und Großbildschirm im Hintergrund.

London, World Travel Market 2025. Ein Satz bleibt im Raum stehen. Richard Thompson von der Inclu Group sagt: „Wir machen Menschen mit Behinderung zu Spielerinnen und Spielern. Sie geben Zehntausende Pfund für Reisen aus, ohne zu wissen, was sie tatsächlich erwartet.“ Der Saal hält inne. Wer mit Einschränkungen reist, kalkuliert noch immer mit Unsicherheit. Was ankommt, zeigt sich oft erst vor Ort. Thompson legt den Finger auf eine weitere Wunde: Über Hunde in Hotels und Destinationen findet man online meist schneller präzise Informationen als über Zugänglichkeit. Erst Lachen. Dann Stille.

Inklusion ist keine Nebenbühne. Sie ist der Kern von Gastfreundschaft. Menschen willkommen zu heißen, ohne Hürden und ohne Vorbehalt, ist eine Frage der Würde. Und es ist eine Frage der Vernunft. Der weltweite Tourismussektor steht laut WTTC für rund zehn Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Die OECD zählt inklusiven Tourismus zu den relevanten Wachstumstreibern der kommenden Jahre. Es geht nicht um Minderheiten. Es geht um Menschen. Und um Märkte, die heute zu oft unbespielt bleiben.

Was meinen wir, wenn wir von Inklusion sprechen. Forschung definiert es schlicht und klar: Alle Menschen sollen Zugang zu Orten, Dienstleistungen und Erlebnissen haben, unabhängig von physischen oder sozialen Einschränkungen. Das ist mehr als bauliche Anpassung. Thompson betont, dass nur etwa zwanzig Prozent der notwendigen Investitionen in die Infrastruktur fließen. Der größere Teil betrifft Menschen. Haltung, Sprache, Schulung, Information, Service. Inklusion beginnt nicht an der Tür. Sie beginnt im Denken.

Die Nachfrage ist da. In Europa leben mehr als achtzig Millionen Menschen mit Behinderung, mit Senior:innen steigt die Zahl auf rund einhundertdreißig Millionen. Ein erheblicher Teil reist, oft mit Begleitpersonen. Im australischen Bundesstaat New South Wales entfallen rund siebzehn Prozent der touristischen Ausgaben auf Menschen mit Behinderung. Sie bleiben im Durchschnitt länger und geben vor Ort mehr aus. Europäische Analysen zeigen, dass sich der Marktwert durch verlässliche Zugänglichkeit und klare Information deutlich steigern lässt. Die Welttourismusorganisation spricht von einem Game Changer für Destinationen, die Zukunftssicherheit suchen. Das ist kein Randthema. Das ist ein Nachfrageblock mit hoher Loyalität und hoher Zahlungsbereitschaft.

Gerade der alpine Raum könnte hier führen. Er verspricht Nähe, Natur, Begegnung. Doch genau dort bleibt Inklusion oft unsichtbar. Investiert wird in Architektur, Spa Welten und Kulinarik. Zu selten in transparente Zugänglichkeitsinformation, in inklusive Bildsprache, in geschulte Teams, in eine Gäste Reise ohne Fragezeichen. Wer diesen Schritt setzt, gewinnt nicht nur neue Gäste. Er gewinnt Vertrauen. Er verlängert Aufenthalte. Er stärkt Reputation. Vor allem erfüllt er das Versprechen von Gastfreundschaft.

Das Ziel ist nicht, Inklusion zu vermarkten. Das Ziel ist, sie zu leben. Wer offen kommuniziert, Barrieren abbaut und Haltung sichtbar macht, handelt ethisch richtig und wirtschaftlich klug. Die Alpen brauchen kein weiteres Hochglanzbild. Sie brauchen die glaubwürdige Einladung an alle, anzukommen.

Am Ende steht eine Entscheidung. Weiter so oder aufmachen. Die erste Option verwaltet Gegenwart. Die zweite gestaltet Zukunft.

Season Rebels arbeitet mit Gastgeber:innen, Unternehmer:innen, Bergbahnen und Freizeitbetrieben, die diesen Schritt gehen wollen. Wir übersetzen Inklusion in Markenführung, Produktgestaltung und tägliche Praxis. Wir zeigen, wo Information fehlt, wo Sprache ausschließt, wo Abläufe neu gedacht werden müssen. Wir bauen mit euch eine Haltung, die man spürt. Nicht als Pflicht, sondern als Profil. Nicht als Kostenstelle, sondern als Stärke.

Gedankensplitter ist unser Raum für Perspektivenwechsel. Kurz, klar, mit Substanz. Für Menschen, die Tourismus nicht nur besser, sondern richtiger machen wollen.

 

Quellen:
WTTC, Economic Impact Report 2024
OECD, Inclusive and Sustainable Tourism 2024
Korbiel et al., Inclusive Tourism, Sustainability 2024
UTS, Economic Opportunities of Inclusive Tourism 2018
Europäische Kommission, Accessible Tourism in Europe 2014
UNWTO, Accessible Travel as Game Changer
WTM London Panelbericht mit Zitaten von Richard Thompson, 2025